Standpunkte

Die Welt ist eine Scheibe

Ist natürlich totaler Unsinn. Das wußte auch schon der halbwegs gebildete Mensch im Mittelalter. Auch kirchliche Gelehrte hatten keinen Zweifel daran.

 

Brettchenborte gab es im 13. und 14. Jhd. nicht

Was für ein Quatsch. Selbst in der Manesse gibt es die Abbildung (285r, 'Rost, Kirchherr zu Sarnen') einer Dame, die Brettchenborte webt....

 

Gezaddelte Kleidung nicht vor der 2. Hälfte des 14.Jhd.

Das ist natürlich auch völliger Unsinn! Schon in der berühmten Maciejowski-Bibel (Kreuzfahrerbibel, ca. 1245/50) sind gezaddelte Kleider und Gugeln zu sehen!

 

'Kämpfende Frauen'

Das ist natürlich totaler Unsinn. Jetzt höre ich natürlich gleich Leute von Jeanne d'Arc schreien. Ausnahmen gab es sicher schon immer. Aber üblicherweise gab es keine kämpfenden Frauen. Ende der Diskussion.

 

Ein Wort zur 'Manesse'

Die Manessische Liederhandschrift, auch Codex Manesse, ist ein wunderschönes Werk und sicherlich eines der herrausragenden Werke der Buchkunst des Mittelalters. Aber als Quelle für das frühe 14. Jhd. taugt sie leider nicht viel. Die Manesse hat einen sehr historisierenden Charakter. Dargestellt werden (größtenteils) Minnesänger, die schon seit 50-100 Jahren Tot waren. Hier wird das Idealbild der Ritter und Minnesänger zelebriert! Und nicht die aktuelle Realität abgebildet! In dieser Hinsicht sind die Darstellung der Manesse ähnlich historisierend wie die romantischen Ritterdarstellungen der Malerei des 19. Jhds..

 

Das böse A-Wort

Nunja, ich war bei der Geburt dieses Begriffes dabei! Tatsächlich! (Also, eigentlich war ich Geburtshelfer...)
Zur Erklärung für den Layen: Das 'A-Wort' heißt Authentizität.
An Authentizität führt bei historischer Darstellung kein Weg vorbei. Da gibt es kein 'Ja, aber...' und kein 'so hätte es vielleicht ja sein können'!!
Ärgerlich ist, dass der Begriff 'das böse A-Wort' eigentlich nicht negativ in Bezug auf Authentizität gemeint war, sondern in Hinsicht auf die Gestalten, die jegliche Authentizität ablehnen, bzw. glauben diese gepachtet zu haben.

Das 'böse A-Wort' ist folgendermaßen entstanden:
Anfang der 90er Jahre gab es im Rhein-Main-Gebiet einen Hersteller von Repliken (auch Schmied), der zu dieser Zeit hoch angesehen für sein spezielles Fachwissen im Breich mittelalterlicher Realien war.
Leider stellte sich aber heraus, dass dieser Mensch, praktisch jeden Gegenstand, den er nicht selber gefertigt hatte mit den Worten  "ganz nett, aber nicht authentisch" kommentierte (man hätte Ihm wohl auch ein Original zeigen können...).
Es handelte sich nämlich um einen der ersten selbsternannten Päpste der Mittelalterszene!
In der Folge führte es dazu, dass der Begriff 'Authentizität' zunehmend zum echten Reizwort wurde und um ernsthaften Gesundheitsschäden zu entgehen wurde das 'böse A-Wort' erfunden.
Eigentlich also, bezog sich das 'böse A-Wort' als boshafte Kritik auf die selbsternannten Päpste....die Erfinder waren sich der zwingenden Notwendigkeit von Authentizität sehr bewußt!

Und DAS ist die WAHRE Geschichte!

Ach ja und als weiterführender Lesestoff diese Geschichte.

 

Zum Thema 'historische Darstellung', 'MA-Markt', 'Histotainement':

Bereits 1999 habe ich für das Editorial von 'Turm und Zinne' folgenden Text geschrieben....:

"[...] Schon seit geraumer Zeit habe ich über die Geschehnisse in der Szene nachgedacht und mir sind dabei verschiedene Dinge aufgefallen.
Wenn ich mich so erinnere, wie wir angefangen haben, muß ich sagen da war einiges anders. Früher (vor ca. 8-10 Jahren) war es so, daß ein Mittelaltermarkt in einer Stadt etwas besonderes war. Üblicherweise wurden solche Veranstaltungen zu irgendwelchen Jubiläen durchgeführt und die entsprechende Gemeinde investierte viel Zeit und Geld in die Ausrichtung eines Marktes. Das äußerte sich normalerweise in Veranstaltungen, die mit viel Liebe organisiert waren und mit ziemlichem Zulauf an Publikum gesegnet waren, da der Eintritt häufig frei war.
Im Laufe der Zeit wurden aber die finanziellen Mittel der Kommunen immer geringer und die meisten Veranstaltungen mußten sich selbst tragen. Das führte schon zu einigen organisatorischen Mängeln (immerhin mußte man ja sparen) und außerdem wurde in der Regel ein mäßiger Eintritt erhoben (meist bis zu DM 5,-).
Mittlerweile sieht es so aus, als ob der durchschnittliche Mittelaltermarkt als kommunale Einnahmequelle entdeckt worden ist. Die Eintrittsgelder sind erheblich gestiegen, die Qualität der engagierten Gruppen häufig sehr mangelhaft, vorführende Handwerker sind die Ausnahme und in Hinsicht auf die Organisation werden viele Teilnehmer wie Schmarotzer behandelt („Wie kann man nur verlangen nachts eine Toilette zur Verfügung zu haben!“).
Gleichzeitig hat sich aber auch die Szene verändert. Waren es früher einige wenige „Spinner“ und Enthusiasten, die quer durch die Republik tingelten und sich auf den entsprechenden Veranstaltungen „zur Schau stellten“ ist es heute eine nahezu unüberschaubare Vielzahl an Künstlern, Händlern und Laien, die aus den unterschiedlichsten Gründen seltsame Gewänder tragen und sonderbare Dinge veranstalten.
Das ganze hat dem Ansehen der Szene sehr geschadet. Wurde man früher noch als etwas wunderlicher, aber wenigstens historisch Interessierter mit einer gewissen Achtung behandelt, stellt sich die Szene für Aussenstehende heute eher als „Seltsames Hippie-Revival im Rave-Zeitalter“ dar.
Leider scheint diese gesamte Entwicklung zum langsamen aber unaufhaltbaren Untergang der Szene und des „klassischen“ Mittelaltermarktes beizutragen.
In Teilen der Szene ist man sich mittlerweile sehr wohl darüber bewußt, daß nur qualitativ hochwertige Darstellung langfristig eine Chance haben wird. Ob diese Darstellung noch Platz im Rahmen eines historischen Marktes haben wird bleibt abzuwarten. Sicherlich ist hier das so konträr diskutierte Wort „Authentizität“ von entscheidender Bedeutung.
Mit erschrecken mußte ich feststellen, daß das Thema Authentizität in der Szene nur in Extrema betrachtet wird. Entweder finden sich Fanatiker, die einen nahezu zwanghaften Hang zu musealer Authentizität haben und bei denen jeder Fetzen Ausrüstung mit authentischen Werkzeugen aus authentischen Materialien möglichst an authentischen Plätzen hergestellt worden sein muß und die alles was nicht sicher anhand von Quellen (Literatur/Grabungsfunde/Abbildungen) belegbar ist ablehnen.
Auf der anderen Seite finden sich dann jene Mittelaltercampingfans, die eigentlich verhinderte LARP’s sind (Liebe LARP’s das soll keine Beleidigung sein!). Bei diesen findet sich in der Regel ein fröhlicher Mix aus allen Jahrhunderten  seit Christi Geburt, immer eine lustige Geschichte über die Herkunft ihrer dargestellten Persönlichkeit (Besser: Wie bringt man ein Wikingerschwert, eine Hakenbüchse und eine Zigarettenschachtel mit einem Kilt in Verbindung) und wenn man das Wort „Authentizität“ benutzt wird man behandelt als hätte man seinen Gegenüber gerade als Päderasten bezeichnet.
Ich frage mich, ob man nicht eine gesunde Einstellung dazwischen finden kann. Sicherlich bin ich bemüht das Hochmittelalter so authentisch wie möglich darzustellen, dabei reicht mir häufig die sog. „optische Authentizität“ nicht aus. Das hat viel mit der Intention warum ich Mittelalter als Hobby betreibe zutun. Für mich hat alles damit begonnen, daß ich das Leben im Mittelalter für MICH erfahren wollte. Ich wollte ausprobieren, wie die Leute gelebt haben, wie sie gegessen, gehaust, gestritten und gesch... haben. Ich wollte es für MICH nachempfinden. Dabei war ich mir im klaren, daß vieles für einen Menschen im 20. Jhd. nicht nachvollziehbar ist und das mir ein gewisses Maß an Bequemlichkeit auch hinderlich beim absoluten Nachempfinden ist. Aber dabei kommt eben auch ein gutes Stück Romantik mit ins Spiel.
Bei all diesem Nachempfinden für MICH fiel die Darstellung für’s Publikum quasi als Nebenprodukt an. Nicht, daß ich über die Möglichkeit dieses doch recht kostspielige Hobby mit ein paar Touri-Märkern finanziell zu unterstützen nicht höchst erfreut gewesen wäre! Aber das war nicht der ursprüngliche Grund.
Wenn man mit dieser Intention Mittelalter als Hobby betreibt, reicht eben die genannte „optische Authentizität“ nicht aus. Denn die Konsequenz der „optischen Authentizität“ ist letztlich eine Pappmaché-Kulisse alá Hollywood, die zwar nett aussieht, aber hohl ist. Wenn wir da ankommen, sollten wir besser aufhören, denn das machen die verschiedensten Freizeitparks deutlich besser als wir. Was soll denn ein „Reenactment“, wenn außerhalb der Besuchszeiten jeder die Plastikplane über’s Zelt zieht, den Gaskocher auspackt sich auf einen Bierkasten hockt und den CD-Player anwirft??? Wo ist denn da die „authentische Atmosphäre“, wo ist da das „Mittelalter erleben“.
Wenn ich so drüber nachdenke wird der Begriff „optische Authentizität“ zum absoluten Todesschuß für das (in erster Linie) von Laien dargestellte Mittelalter.
Besonders bestürzt hat mich auch, daß man offensichtlich um von diesen Kernproblemen vor der eigenen Haustür abzulenken sich beständig auf andere stürzt. Da wird ein „Lager“ zusammen mit Frühmittelalterlichen grundsätzlich abgelehnt, aber man brät sich die Maiskolben (!!!) auf dem Feuer. Da erscheint mir die ganze Diskussion um Wikinger, Normannen und Staufer doch als reine Ablenkung vom eigentlichen Thema!
Nicht das „durcheinander“ der verschiedenen Zeitfenster des Mittelalters (immerhin ca. 500 – ca. 1500) ist ein Problem, sondern die hohle Fassade, die viele Teilnehmer bieten.
Die Kombination von Kleingeistigkeit und Profilierungssucht die sich mittlerweile wie eine Pest in der Szene breitmacht trägt nicht gerade dazu bei, diese Probleme zu lösen. [...]"

 

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