Tischzuchten

Die Dichter haben die großen Festmähler fast immer aus der Perspektive des Hofherrn beschrieben, der dafür zu sorgen hatte, daß alles dem Protokoll entsprechend ablief. Wie die Gäste sich beim Essen benehmen sollten, wurde nur nebenbei berührt. Man kann jedoch davon ausgehen, daß bereits um 1200 in der höfischen Gesellschaft bestimmte Regeln für das Benehmen bei Tisch ausgebildet waren.

Die Gattung der höfischen Tischzucht ist offenbar von gebildeten Hofklerikern geschaffen worden; die ältesten Texte sind lateinisch. Der Spanier Petrus Alfonsi, der als Leibarzt König Alfons I. von Aragon (gest. 1134) und später als Hofarzt des englischen Königs Heinrich I. (gest. 1135) großen Ansehen gewann, hat zu Beginn des 12. Jahrhunderts in seiner Schrift >Disciplina clericalis< zum ersten Mal Vorschriften für das hoefische Benehmen beim Essen zusammengestellt. "Iß nicht das Brot, bevor der erste Gang auf den Tisch kommt, sonst wirst du für unbeherrscht gehalten. Stecke nicht ein so großes Stück in deinen Mund, daß die Krumen rechts und links herausfallen, sonst wirst du als ein Fresser angesehen. Schlucke das, was du im Mund hast, nicht herunter, bevor es gut gekaut ist, damit du dich nicht verschluckst. Trinke erst, wenn dein Mund leer ist, sonst hält man dich für einen Säufer. Sprich nicht, solange du etwas im Mund hast." Die Schrift von Petrus Alfonsi hatte einen großen Einfluß auf die lateineischen und auch auf die volkssprachlichen Tischzuchten des 12. und 13. Jahrhunderts. Unter den späteren lateinischen Werken ist für die Verhältnisse in Deutschland der >Phagifacetus< von Reinerus Alemannicus besonders interessant, weil der Verfasser, wenn die Angaben in mehreren Handschriften zutreffen sidn, im 13. Jahrhundert Kanzler, bezw. Protonator am thüringischen Landgrafenhof gewesen ist. Mit 440 Hexametern ist der >Phagifacetus< die ausführlichste Tischzucht des Mittelalters. Der Verfasser hat seinen Stoff danach gegliedert, mit wem man speiste. Der größte Teil der Tischregeln betraf das Benehmen an der Rafel eines vornehmen Herrn. Kürzer wurde da sEssen mit Freunden behandelt. Der dritte Teil stellte zusammen, eas man in Gesellschaft von Damen zu beachten hatte. Hier scheint der Verfasser die moderne Sitzweise in Paaren vorauszusetzen. Man sollte nicht zu eng an die Damen heranrücken und sollte alles Derbe und Unziemliche in ihrer Gegenwart unterlassen.

Die ersten Tischregeln in deutscher Sprache findet man bei den geisltichen Didaktikern, die für ein weltliches Adelspuplikum gedichtet haben. Bereits in der Tugendlehre von Wernher vom Elmendorf (um 1170) gab es die Anweisungen, nicht zuviel zu trinken, nicht über das Essen zu klagen und beim Speisen keinen Lärm zu machen. Einen ganzen Katalog solcher Regeln hat der italienische Geistliche Thomasin von Zirklaere, deutlich unter dem Einfluß von Petrus Alfonsi, in seinem >Wälschen Gast< (um 1215) zusammengestellt. Nach Thomasins eigenen Angaben ging dieser Teil seines Weks auf eine früher vom ihm selbst in provenzalischer Sprache verfaßte Hoflehre zurück. Mit Tannhäusers >Hofzucht< aus der Mitte des 13. Jahrhunderts begann dann die Reihe der selbständigen Tischzuchten. In Deutschland hat sich diese Gattung reich entwickelt, sowohl in der positiven Form der höfischen Tischzucht als auch in der parodistischen Gestalt der grobianischen Tischzucht, in der die Regeln des guten Benehmens aus ihrer Verkehrung ins Gegenteil erkannt werden mussten: Es wurde beschrieben, wie es bei Tisch zuging, wenn alle höfischen Sitten mißachtet wurden. Diese grobianischen Stücke bezeugen nicht weniger lehrhaften Ernst, sind aber ungleich unterhaltsamer.

Manche Vorschriften der höfischen Tischzuchten muten merkwürdig an. In Tannhäusers Hofzucht wurde zum Beispiel den adligen Zuhören eingeschärft, sie sollten die abgegessenen Knochen nicht wieder in die Schüssel legen, sie sollten nicht mit den Fingern in den Senf oder die Sauce greifen, nicht in das Tischtuch schneuzen, nicht in das heiße Getränk blasen, sich nicht beim Essen über den Tisch legen, sich nicht mir der bloßen Hand an der Kehle kratzen und nicht in die Hand schneuzen. Geht man davon aus, daß die Tischzuchten einen praktischen Sinn hatten und daß sie helfen sollten, tatsächlichen Nachlässigkeiten entgegenzuwirken, dann bekommt man ein sehr negatives Bild von den wirklichen Tischmanieren, das mit den hochstilisierten höfischen Festmachtbeschreibungen der Dichter nur schwer in Enklang zu bringen ist. Denoch handelt es sich um dieselbe Sache, die nur von verschiedenen Seiten gesehen wurde. Die meisten Tischregeln lassen sich Hygienvorschriften erkären, die auf die realen Gegebenheiten beim Essen Bezug nahcmen. Die höfische Gesellschaft des hohen Mittelaters aß mit den Fingern. Die Gabel war zwar bekannt, wurde aber nur zum Vorlegen benutzt. Messer und Löffel dienten zum Tranchieren und zum Austeilen. Die bildlichen Darstellungen der Zeit zeigen, daß meist nur wenig Besteck, zum gemeinsamen Gebrauch, auf dem Tisch lag. Als Teller dienten Brotscheiben. Man musste in die gemeinsamen Schüsseln greifen, und häufig hat man sich auch das Trinkgefäß mit seinem Nachbarn geteilt. Im Hinblick auf diese Verhältnisse gewinnt die Vorschrift, daß man nicht mit fettigem Mund trinken soll, einen praktischen Sinn. Wollte man den Tegeln der Tischzucht genügen, so bot sich zum Abwischen des Mundes, da es keine individuellen Servietten gab, zuerst das Tischtuch an. Das wurde aber von mehreren Tischzuchten verboten. Statt dessen empfahl die >Ulmer Hofzucht< "Wisch den Mund mit deiner Hand ab." Andere Tischzuchten wendeten sich jedoch gegen eine solche Praxis, so daß der  höfische Esser sich in einer echten Verlegenheit befand. Am besten zog er sich aus der Affäre, indem er seine eingene Kleidung zum Abwischen benutzte. Ähnlich verhielt es sich beim Schneuzen: Wenn  man weder das Tischtuch noch die Hand benutzen durfte, blieb nur der Ärmel. Die Mahnung, nicht mit den Fingern in den Senft zu greifen, deutet nur scheinbar auf ein unflätiges Benehmen hin; wenn nicht genügend Löffel auf dem Tisch lagen, bleib einem gar nicht anderes übrig. Und wie sollte man sein Essen kommen, ohne sich über den Tisch zu lehnen, wenn die nächste Schüssel ein ganzes Stück entfernt stand? Wohin mit den abgegessenen Knochen, wenn es keine Teller gab? Daß man sich nicht beim Essen kratzen sollte, ist natürlich Rücksicht darauf gesagt, daß man anschließend wieder mit den Fingern in die gemeinsame Schüssel ging. Für den Fall, daß man beim Essen einen Juckreiz verspürte, empfahl Tannhäuser: "Wenn das passiert, dann bentuzt höfisch euer Gewand und juckt euch damit: das ist besser als wenn die Hand schmutzig wird."

Viele Verhaltensregeln setzen eine hohe Tischkultur voraus. Bei Thomasin von Zirklaere wurde zum Beispiel gefordert, daß man erst den Becher absetzten sollte, bevor man sich seinem Tischnachbarn zuwandte oder daß man nur mit der dem Nachbarn abgewandten Hand essen sollte. Im >Phagifacetus< hieß es, man sollte nicht anfangen zu essen, bevor der Herr des Hauses aß; man sollte freundlich umherblicken und nicht dauernd auf das Essen starren; man sollte zum Essen frische Kleider anziehen, damit kein Ungeziefer an den Tisch kam. Die Tischzuchten wurden von der Überzeugung getragen, daß die höfische Gesellschaft sich durch die Einhaltung solcher Regeln von Dörpern unterschied. "Manch einer beißt von einer Teigschnitte ab und wirft sie wieder in die Schüssel, wie es die Bauern tun. Solche Ungesittetheit legen höfische Menschen ab." Insofern sind diese Texte wichtige Zeugnisse für daß Selbstbewußtsein der höfischen Gesellschaft und zugleich für die Verfeinerung der gesellschaftlichen Umgangsformen in der höfischen Zeit.

Joachim Bumke, Höfische Kultur, Band 1

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